Hallo zusammen,
ich beschäftige mich gerade damit, ob ich einen Teil meines Depots stärker inflationsgeschützt aufstellen soll. Die letzten Jahre haben ja gezeigt, dass man sich auf klassische Anleihen oder Tagesgeld nicht verlassen kann, wenn die Inflation anzieht.
Jetzt lese ich immer wieder, dass Rohstoffe als "natürlicher Inflationsschutz" gelten – Gold kennt ja jeder, aber was ist mit Öl, Kupfer, Industriemetallen oder Agrarrohstoffen? Stimmt das wirklich, oder ist das eher so ein Mythos der immer wieder weitergegeben wird?
Mich interessiert vor allem, ob das langfristig belegt ist oder ob es Phasen gab, wo Rohstoffe bei hoher Inflation trotzdem eingebrochen sind. Ich denke zum Beispiel an 2022, wo ja ziemlich viel gleichzeitig abgestürzt ist.
Außerdem frage ich mich: Wenn ich das über ETFs abbilden möchte, bilde ich dann wirklich "Rohstoffe" ab, oder eher irgendwelche Futures-Konstrukte, die sich ganz anders verhalten als der Rohstoff selbst?
Bin kein totaler Anfänger, hab ein kleines ETF-Depot, aber bei Rohstoffen bin ich wirklich noch unsicher. Über ehrliche Einschätzungen würde ich mich sehr freuen – auch wenn die Antwort ist, dass ich das besser lassen soll 🙂
Gruß
Claudia
Also ich seh das etwas anders als die Vorposter hier.
Der "Rohstoffe schützen vor Inflation" Mythos wird meiner Meinung nach massiv übertrieben. Studien zeigen, dass der Zusammenhang zwischen Rohstoffpreisen und Inflation deutlich schwächer ist als oft behauptet – außer vielleicht bei Energie, und die kannst du als Privatanleger über ETPs kaum sauber abbilden.
Dazu kommt: Wer kauft Rohstoff-ETFs? Meistens Leute die gerade Angst vor Inflation haben. Das treibt die Preise hoch. Wenn die Angst nachlässt, fällt der Kurs – auch wenn die Inflation gar nicht viel niedriger geworden ist. Das ist dann eher Stimmungsspekulation als Schutz.
Ich würde Rohstoffe grundsätzlich nur nehmen wenn man wirklich versteht was man da kauft. Und die meisten Privatanleger (kein Vorwurf, ich eingeschlossen) verstehen Futures-Rollmechanismen, Contango und Backwardation nicht wirklich tief genug um das sinnvoll einzusetzen.
Hallo Claudia,
die Frage kenne ich gut – ich hab mich vor einiger Zeit ähnlich gefragt, ob Sachwerte bei Inflation wirklich schützen. Hab das auch im Tagesgeld-Thread hier kurz angesprochen.
Die ehrliche Antwort: Rohstoffe als Inflationsschutz ist korrekt – aber nur im Durchschnitt über sehr lange Zeiträume. In einzelnen Phasen kann es komplett anders laufen. 2022 war tatsächlich ein Sonderfall: Erst Rohstoff-Boom durch den Ukraine-Krieg, dann Einbruch weil die Zinserhöhungen die Nachfrageerwartungen gedrückt haben. Rohstoffe haben eben auch konjunkturelle Komponenten.
Zur Futures-Frage: Das ist ein wichtiger Punkt. Rohstoff-ETFs (genauer: ETCs oder Index-Fonds auf Futures) bilden oft nicht den Spotpreis ab, sondern rollen Futures-Kontrakte. Dabei kann "Rollverlust" entstehen, wenn der Markt in Contango ist – sprich der Terminpreis liegt über dem aktuellen Preis. Das kann die Rendite über Jahre erheblich schmälern, auch wenn der Rohstoff selbst gestiegen ist.
Für echten Inflationsschutz würde ich Rohstoffe maximal als Beimischung (10–15%) sehen, nicht als Hauptstrategie.
Kurz gesagt: Rohstoffe als Inflationsschutz ja, aber nicht als "sicher" einplanen. Der Mechanismus funktioniert grob – wenn Güter teurer werden, steigen auch ihre Vorprodukte – aber der Zeithorizont ist entscheidend. Über 5 Jahre kann das komplett entkoppelt laufen.
Und noch ein Punkt den ich sonst hier nicht gelesen hab: Im Sommer 2026 sind wir gerade in einer Phase wo viele Emerging Markets (große Rohstoffproduzenten) unter Dollar-Stärke und Zinseffekten leiden. Das drückt viele Rohstoffpreise strukturell – also gerade jetzt als "Inflationsschutz" einsteigen würde ich mit Vorsicht angehen, nicht weil die Idee falsch ist, sondern weil die Marktsituation kompliziert ist.
Wenn's wirklich nur Beimischung werden soll: Gold physisch oder XETRA-Gold als einfachste Lösung. Alles andere braucht wirklich mehr Einarbeitung.
Guten Abend,
ich finde die Diskussion hier recht ausgewogen. Grundsätzlich lässt sich sagen: Die empirische Literatur zeigt tatsächlich, dass Rohstoffe als Asset-Klasse über sehr lange Zeiträume (20+ Jahre) eine positive Korrelation mit der Inflation aufweisen – aber die kurzfristige Schutzwirkung ist schwach und unzuverlässig.
Besonders wichtig finde ich Claudias Frage zur ETF-Struktur. Die meisten Rohstoff-ETFs/-ETCs für Privatanleger sind swap-basiert oder futuresbasiert. Das bedeutet:
1. Rollkosten können die Rendite signifikant belasten (in Contango-Märkten teils mehrere Prozent jährlich)
2. Die Performance weicht erheblich vom Spotpreis ab
3. Bei manchen Produkten besteht Kontrahentenrisiko
Ausnahme ist physisch hinterlegtes Gold oder Silber – dort bekommt man tatsächlich den Rohstoff.
Für einen mittelgroßen Privatanleger würde ich empfehlen: Wenn überhaupt, dann max. 5–10% als Beimischung, und nur in Produkte die man wirklich durchschaut hat. Ein gut diversifizierter Aktien-ETF liefert langfristig ebenfalls einen gewissen Inflationsschutz über Preissetzungsmacht der Unternehmen – mit besserer Liquidität und weniger Konstruktionsrisiken.